Das Kirchbrünnlein und die Hexe von Hammerberg

Das Kirchbrünnlein und die Hexe von Hammerberg

Michel, der Waldbauer von Prex, war krank. Täglich nahmen seine Kräfte ab und die Ärzte meinten, dass er diese Erde wohl bald verlassen werde. Michel aber verlor seinen Mut nicht.

Nachdem er eines Abends inbrünstig gebetet hatte, erschien ihm im Traum ein Engel und sprach: „Gott hat Dein Gebet erhört, Dein Leiden soll bald ein Ende haben. Geh und hole Wasser vom Wiesbrünnlein, trinke davon drei Mal am Tag und bade dich auch in dem Wasser. Dann wirst du bald gesund werden.“

Michel tat wie ihm geheißen, schickte seine Kinder zum Wasser holen, trank brav und badete sich auch damit. Und bald war der Waldbauer wieder so gesund wie ein Fisch im Wasser.

Die wunderbare Heilung sprach sich schnell herum und nun kamen täglich viele kranke und bedürftige Menschen zum Wiesbrünnlein, um sich einen erfrischenden und gesund machenden Trank zu holen. Die Quelle wurde zu einem richtigen Wallfahrtsort.

Im nahen Regnitzlosau lebte zu dieser Zeit ein frommer Pfarrer, der auch oft zum Brünnlein ging. Schon bald meinte er, dass über der Heilquelle ein Kirchlein gebaut werden solle, damit der Segen des Brunnens möglichst vielen Wallfahrern zugute käme.

Gesagt, getan. Alle Bewohner der Umgebung wollten helfen, schleppten Balken und Steine herbei und nach kurzer Zeit war das Bauwerk fertig. Am St. Martinstage sollte es geweiht werden.

Nun aber wohnte auf dem Hammerberg gegenüber der Quelle im halb verfallenen Turm des alten Raubschlosses derer von Hartenstein ein uraltes Weiblein. Man nannte sie überall „die schwarze Hanne“ und niemand wußte, wo sie eigentlich hergekommen war.

Einerseits fürchteten sich die Leute vor ihrer Furcht einflößenden Erscheinung. Da sie aber die Heilkräfte der Kräuter und Pflanzen kannte, kamen doch viele Kranke zu ihr und ließen sich Tees und Salben für ihre Genesung zubereiten. Das brachte ihr natürlich ein hübsches Stückchen Geld ein.

Seit dem nun jedoch die Heilkraft des Wiesbrünnleins bekannt geworden war, verlor sie ihre Kundschaft. Die Leute kamen nicht länger, um sie um Rat zu fragen, und sie erhielt auch kein Geld mehr. Das erzürnte sie sehr und sie schwor, Rache an allen zu nehmen, die beim Bau des Kirchleins mithalfen.

Freilich, allein fühlte sie sich zu schwach um gegen das Gott gefällige Werk anzugehen. Also wollte sie sich mit dem Teufel verbünden. Sie suchte einen nach ihrem Zauberbuch günstigen Tag heraus – es war Freitag, der 13. – und rief um Mitternacht den Teufel an. Aber alle Versprechungen von Gold und Silber, von den Schätzen, die sie im Laufe der Jahre gehortet hatte, vermochten nicht, ihn herbei zu locken.

Da schließlich versprach sie, mit Leib und Seele sein zu werden, wenn er ihr bei ihren Racheplänen helfen wollte. Plötzlich, beim zwölften Schlag der alten Wanduhr, erzitterte der Turm in seinen Grundfesten. Der Teufel kniete zu ihrem Schreck vor ihr und streckte die Arme nach ihr aus. Sie fiel in Ohnmacht. Der schwarze Geselle hob sie auf, trug sie ins Bett und streichelte ihr so lange Gesicht und Hände, bis sie wieder zu Bewußtsein kam.

Der Höllenfürst fragte sie nach ihrem Begehr. Da verlangte Hanne von ihm, er solle das Wasser des Brünnleins vergiften und das Kirchlein niederreißen. Diese Bitte wollte ihr der Teufel noch in der Nacht erfüllen, wenn ihm sein Lohn zuteil werde. Alle irdischen Schätze schlug er aus und rief ihr zu, dass er nach Jahresfrist ihre Seele Heim holen wolle. Darauf küßte er sie und verschwand.

Am nächsten Morgen fanden sich die Helfer bei der Quelle ein. Wie sehr aber erschraken sie vor dem Zerstörungswerk, das sie dort vorfanden: das Kirchlein war dem Erdboden gleich gemacht und statt des Heilwassers entquoll dem Brunnen eine dunkle, stinkende Brühe.

Alle waren ratlos. Aber weil sich das Wasser langsam wieder reinigte, folgte man dem Rat des guten Pfarrers und begann mit dem Wiederaufbau des kleinen Gotteshauses. Nun wollte man aber vorsichtiger zu Werke gehen und beschloss deshalb, nachts Wache zu halten.

Zwölf schwer mit Äxten und Sensen bewaffnete Prexer fanden sich am Bauplatz ein, um die bösen Kräfte von einer erneuten Zerstörung des frommen Vorhabens abzuhalten. Es war eine herrlich Sommernacht, Stille lag über Wald und Feld, nur unterbrochen vom Zirpen der Grillen.

Da auf einmal, als die Kirchturmuhr von Regnitzlosau die Mitternacht ankündigte und eben der letzt Glockenschlag verklungen war, erglühte der Turm vom Hammerberg in schauerlichem rotem Licht. Ein gewaltiger Sturm brach los, entwurzelte die Bäume am Waldessaum und wälzte eine riesige Staubwolke durch die Luft.

Dahinter begann sich eine Feuersäule vom Hammerberg herunter zu wälzen, direkt auf die zutiefst erschrockenen Wächter zu. Starr vor Schreck erkannten sie in der Glut die unverwechselbare Gestalt des Satans. Atemlos flüchteten sie und suchten Schutz im Wald.

Erst als das junge Tageslicht über dem Horizont herauf leuchtet, wagen sie sich aus ihren Verstecken und kehren, noch immer sprachlos, zu ihren Familien zurück. Gemeinsam begaben sie sich zum Ort des Geschehens.

Aber was mussten sie dort sehen! Weit verstreut lagen die Balken und Steine, die für den Wiederaufbau des Kirchleins bestimmt waren, im Gelände verstreut. Da verließ sie der Mut und sie beschlossen, keine Kirche mehr zu bauen.

Seit dieser Nacht wurde die schwarze Hanne nicht mehr gesehen. Der Teufel hatte sie wohl geholt und sie war selbst das Opfer ihrer Boshaftigkeit geworden. Auch die Ruine der Raubritterburg ist verschwunden.

Doch das Brünnlein ist wieder erstanden und hat den Namen „Kirchbrünnlein“ erhalten. Noch heute spendet es den Bewohnern der gleichnamigen Ortschaft frisches, klares Wasser.

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