Das Gefecht bei Gefrees und Berneck

Die Stadt Gefrees verwahrt über dieses Gefecht die einzige, noch vorhandene Niederschrift, die der Hofer Gymnasiallehrer Dr. E. Linhardt im Jahre 1899 verfasst hatte. Darin heißt es:

„Wer heutzutage dem anmutig gelegenen Kurort Berneck entweder als Erholungsbedürftiger oder nur als gewöhnlicher Fußwanderer zustrebt, dem wird es, wenn er nicht gerade ein Forscher in der Spezialgeschichte der Gegend ist, wohl kaum bekannt sein, dass an dieser Stätte des Friedens und der Ruhe, der Erholung und des Naturgenusses einstmals wilder Kriegslärm und lautes Kampfgeschrei tobte und dass oberhalb und unterhalb des Städtchens zu Napoleons Zeiten ein nicht unbedeutendes Gefecht und zwar, was damals viel aufwog, zu Gunsten der deutschen Waffen stattfand. Es ist freilich etwas lange her, 90 Jahre, aber immerhin ist diese denkwürdige Tatsache bei der Bevölkerung des Ortes wie der Umgegend nicht in Vergessenheit geraten, ja sie wird manchmal kräftig wieder aufgefrischt durch Funde, die der Landmann beim Pflügen und Bearbeiten seiner Felder macht und die ihn nur zu lebhaft an die bösen Zeiten der französischen Herrschaft erinnern. Der Kampf, welcher in den Julitages des Jahres 1809 in der Gegend zwischen Gefrees und der das Maintal im Süden abgrenzenden Muschelkalkhöhe sich abspielte, ist zum Teil in einer Erzählung des verstorbenen Konsistorialrates Ebrard (Pseudonym Gottfried Flammenberg) zu Erlangen mit dem Titel „Der Feilenhauer“ verwertet worden. Dieser Teil der erwähnten Erzählung sowie auch Nachforschungen über obengenannte historische Tatsache waren es, welche den Verfasser dieser Zeilen veranlassten, weitere Schritte zu tun, um Einzelheiten zu erfahren. Das k. und k. Kriegsarchiv zu Wien, an welches sich der Verfasser wandte, hatte die Gewogenheit, in bereitwilligster Weise das einschlägige Material zur Verfügung zu stellen, weshalb auch an diesem Platze noch besonderer Dank hierfür erstattet werden soll.
Das Jahr 1809 ist in den Napoleonischen Kriegen dadurch bedeutsam, dass Oestreich selbständig den Kampf mit Frankreich aufnahm und – nach einer Anzahl ungünstig verlaufener Gefechte (bei Regensburg, Landshut, Abensberg, Eggmühl u. s. f.), sowie nach der Einnahme Wiens – unter Erzherzog Karl in einer zweitägigen Schlacht den denkwürdigen Sieg bei Aspern (21. und 22. Mai) erfocht, ein Sieg, der um so bedeutsamer war, als in dieser Schlacht Napoleon in Person seine erste Niederlage auf deutschem Boden erlitt.
Dieser Sieg der Oestreicher wurde in allen Teilen Deutschlands mit großer Freude begrüßt; schien es doch allen, als ob der Glücksstern des Korsen sich nun dem Niedergang zuwende. Vertrauend auf die durch diesen Erfolg errungene günstige Stimmung befahl der Generalissimus der östreichischen Armee Erzherzog Karl am 29. Mai die Vornahme stärkerer Diversionen mit allen in Böhmen disponiblen Streitkräften nach Sachsen und Bayreuth.
Das Kommando über das nach Sachsen bestimmte Streifkorps wurde dem Generalmajor am Ende, jenes gegen Bayreuth dem Generalmajor Radivojevics übertragen, und zwar sollten beide Unternehmen unabhängig von einander durchgeführt werden.
Letzterer befand sich zur Zeit der Kommandoübernahme mit 2 Bataillonen deutschbanater Grenzinfanterie, 2 Eskadronen Merveldt-Ulanen und 5 Landwehrbataillonen wegen Beachtung der Oberpfälzer Grenze in der Nähe von Pilsen. Zu den Streifzug nach Bayreuth wurden am 1. Juni bestimmt: 2 Bataillone vom deutschbanater Grenzinfanterieregiment 1371 Mann, 1. und 2. Taborer Landwehrbataillon zusammen 1605 Mann, 4. Königgrätzer Landwehrbataillon 732 Mann, 2. Chrudimer Landwehrbataillon 488 Mann, 1 Exkadron Merveldt-Ulanen 120 Pferde, 1 Zug der Reserveeskadron Schwarzenberg-Ulanen 38 Pferde, 1 Zug der Reserveeskadron Rosenberg-Orsini-Chevaulegers 30 Mann, 1 Zug der Reserveeskadron Blankenstein-Husaren 25 Mann, und 4 dreipfündige Kanonen, also zusammen 4196 Mann, 213 Pferde und 4 Geschütze.
Der 10. Juni wurde zum Ueberschreiten der Grenze festgesetzt und Radivojevics angewiesen, bei dem Vorrücken ins Bayreuthische ein angemessenes Detachement über Asch und Plauen zu entsenden, um die Vermutung hervorzurufen, dass auch aus dem Vogtland eine Kolonne im Anzuge sei. Nach der Ueberschreitung der Grenze erließ er de dato Thiersheim 10. Juni 1809 eine Proklamation, traf am 11. Juni in Bayreuth ein und nahm die Stadt in Besitz. Die Kavallerie rekognoszierte sofort nach Besetzung der Stadt bis gegen Bamberg und Nürnberg hin, während eine Abteilung über Hof auf der Straße nach Leipzig bis Gefeell vorrückte, ohne jedoch etwas vom Feinde gewahr zu werden. Am 16. Juni benachrichtigte Radivojevics den Kommandanten des in Sachsen eingerückten Korps Generalmajor am Ende von seinem Eintreffen in Bayreuth und beglückwünschte ihn zur Besetzung von Dresden, die am gleichen Tage wie jene von Bayreuth erfolgt war. In diesem Schreiben rühmt er die gute Stimmung der Bevölkerung und die warme Aufnahme, welche seine Truppen im Bayreuthischen gefunden hätten. Vom 16. bis 27. Juni stand das Korps unter gleichbleibenden Verhältnissen in Bayreuth.
Am 27. Juni übernahm General der Kavallerie Kienmayer das Kommando über das Korps des Generalmajors am Ende in Sachsen und zugleich über das des Generalmajors Radivojevics in Bayreuth. Die Oberkommandant beschloss nun, das Korps am Ende zu teilen, und zwar bekam ein Teil davon unter dem Kommando des Letzteren den Befehl bis Dresden und bei einer weiteren Verfolgung bis an die böhmische Grenze zurückzugehen; die übrigen Truppen, nämlich ein Bat. von der Erbach-Infanterie, das 2. Leitmeritzer, das 3. Czaslauer und das 5. Bunzlauer Landwehrbataillon, ferner 1 Esk. Schwarzenberg-Ulanen, 1 Jägerkomp., 4 dreipf. Kanonen und 2 siebenpfündige Haubitzen, dann die hessischen und braunschweigischen Truppen in der Stärke von 700 Mann Infanterie, 400 Reitern, 2 sechspfündigen Kanonen, 2 siebenpfündigen Haubitzen wurden provisorisch unter das Kommando des Majors Rosner vom Quartiermeisterstabe gestellt und erhielten den Befehl über Hainichen, Chemnitz, Zwickau, Plauen nach dem Vogtlande zu rücken und mit dem Streifkorps Radivojevics in Verbindung zu treten. Hiedurch solle der Gegner von Böhmen abgezogen und zur Teilung seiner Kräfte veranlasst werden.
Am 1. Juli kamen diese Truppen, ohne vom Feinde beunruhigt worden zu sein, nach Zwickau, am 4. Juli nach Plauen; hier lief jedoch die Nachricht ein, dass Marschall Junot, Herzog von Abrantes, mit 8000 bis 10000 Mann im Anzuge auf Bamberg sei, sowie dass König Jérôme von Westfalen der Kolonne Rosner mit seiner ganzen Macht über Freiberg-Chemnitz folge.
Der 5. Juli wurde zu einem Rasttage in Plauen benützt, und am darauffolgenden Tage erfolgte der Weitermarsch nach Hof. Hier erhielt Kienmayer von Radivojevics die Meldung, dass Junot gegen ihn anrücke und den in Hollfeld stehenden Posten bereits zurückgedrängt habe. Radivojevics teilte weiter mit, er wolle seine Truppen bei Bindlach konzentrieren und dort den Feind erwarten.
Die Kolonne Kienmayer (bezw. Rosner) marschierte hierauf am 7. Juli nach Helmbrechts, um über Kupferberg (oder Kulmbach) dem bei Bayreuth bezw. Berneck stehenden Gegner in die Flanke zu fallen. Von diesem Vorhaben wurde Radivojevics verständigt mit dem Befehl, sich in dem Engpass von Berneck zu halten. Aber es sollte anders kommen!
In der Nacht vom 7. zum 8. Juli lief von Radivojevics die weitere Meldung ein, dass er angegriffen worden sei, sich nach Berneck zurückgezogen habe, aber auch hier sich nicht halten könne, da der Feind mit Umgehung drohe; er habe sich deshalb nach Gefrees zurückgezogen.
Auf dieses hin gab Kienmayer den Befehl, Radivojevics müsse sich, koste es was es wolle, bei Gefrees behaupten; bis zum Mittag des 8. Juli würden seine Truppen dort eintreffen und ihn unterstützen. Der beabsichtigte Flankenmarsch der Kolonne Rosner unterblieb also, und am 8. Juli vor Tagesanbruch marschierte die Kolonne nach Münchberg, woselbst sich eine von der Hauptarmee dahin dirigierte Eskadron von Schwarzenberg-Ulanen anschloss. Nach kurzer Rast in dieser Stadt wurde der Marsch nach Gefrees fortgesetzt. Die Vorhut, bestehend aus den braunschweigischen und hessischen Truppen, 1 Bat. Infanterie, 1 Jägerkom. und 1 Esk., hielt nördlich eines ¼ Stunde von Gefrees liegenden Waldes (jedenfalls vor dem Weiler Lübnitz); hierbei bemerkte sie, dass Radivojevics bei diesem Orte bereits vom Gegner angegriffen wurde.
Der Feind hielt die Höhen hinter dem Orte Böseneck besetzt, während drei Bataillone und die ganze Kavallerie zwischen Böseneck und Gefrees zu beiden Seiten der diese Orte verbindenden Straße aufgestellt waren.
Nachdem die Rekognoszierung ergeben hatte, dass auf dem linken Flügel des Gegners nur schwache Abteilungen standen. befahl Kienmayer die Umgehung, sowie den Angriff der feindlichen linken Flanke mit der ganzen Kolonne. Das Kommando erhielt hierbei Rosner, Kienmayer aber begab sich nach Gefrees zu Radivojevics, um dort den Frontangriff anzuordnen und zu leiten.
Die Angriffskolonne (Rosner) erstieg, vom Feinde unbemerkt, die Höhe von Witzleshofen und rückte von dort in zwei eng geschlossenen Massen über den Abhang gegen den Ort Böseneck im Sturmschritt herab, um die dort stehenden drei feindlichen Bataillone anzugreifen. Letztere flohen bei Annäherung der Sturmkolonne, und die feindliche Kavallerie, welche, wie oben erwähnt, ebenfalls dort aufgestellt war, jagte im Galopp durch das Defilé von Böseneck zurück und wurde von den bei der Kolonne befindlichen 4 Geschützen wirksam unter Feuer genommen. Die Kolonne Rosner passierte sodann die Oelschnitz bei Böseneck, erstieg die Höhe zwischen Falls und Lützenreuth (Kesselberg) und nötigte hiedurch den Gegner zur Fortsetzung seines Rückzuges nach Berneck. Die Panik durch diesen plötzlichen Flankenangriff war beim Feinde so groß, dass er mit Hinterlassung vielen Gepäcks, von Tornistern, Munition und von zwei vollen Munitionskarren in größter Eile floh.
Rosner rückte mit seiner Kolonne auf die Höhe, Wasserknoden rechts lassend, über Gottendorf nach Micheldorf, um den Engpass von Berneck zu umgehen. Bei Eintreffen in Micheldorf wurde aber die Vorhut gewahr, dass feindliche Infanterie mit Geschützen bei Neudorf Stellung genommen habe. Nachdem das Tal von Berneck ganz vom Feind verlassen war, stieg die Kolonne von den Höhen herunter, passierte unweit Kieselhof (südöstlich von Lanzendorf) den weißen Main und griff die feindliche Stellung an. Der Gegner erwiderte mit einem heftigen Kanonen- und Kartätschenfeuer aus sechs Geschützen, und da auch 2 französische Dragonerregimenter aus dem Hinterhalt hervorbrachen, so musste der Angriff aufgegeben und der Rückzug nach Kieselhof angetreten werden.
Die Nacht war inzwischen eingebrochen, und unter dem Schutze derselben zog sich der Feind mit Hinterlassung von 200 Schwerverwundeten eiligst über Bayreuth nach Creussen zurück.
Im Zentrum (bei Gefrees) und auf dem linken Flügel der östreichischen Gefechtslinie müssen nur unbedeutende Verfolgungskämpfe stattgefunden haben, da hierüber kein näherer Bericht vorliegt. Es ist also anzunehmen, dass der Feind bereits durch die Umgehungskolonne (Rosner) zum Weichen gebracht worden war.
Den östreichischen Truppen standen in diesem Gefecht unter Junot gegenüber: 8 französische Infanteriebataillone (No. 25, 26, 28, 34, 36, 50, 75, 113) das 1. und 2. provis. Dragoner-Regiment, General Laroche mit 3 bayerischen Bataillonen aus den Festungen Forchheim, Rosenberg und Rothenburg, ferner 1 württembergisches Bataillon, zusammen 8000 Mann Infanterie, 1200 Pferde, 2 reitende Batterien und 10 Stück Fußgeschütze.
Da das Vorrücken Junots am 8. Juli mit Jérôme verabredet und kombiniert war und der glückliche Ausgang des Gefechtes bei Berneck die feindliche Absicht vereitelt hatte, beschloss Kienmayer, sich in keine weitere Verfolgung Junots einzulassen, Bayreuth nur schwach zu besetzen und mit dem ganzen Korps sich rückwärts gegen Jérôme zu wenden, welcher bereits über Plauen gegen Hof vorrückte. Am 9. Juli besetze der Herzog von Braunschweig-Oels mit einem Teil seiner Truppen die Stadt Bayreuth, erhielt aber die Weisung, am 10. Juli abends dem Korps zu folgen und nur einen Offizier mit schwachem Kommando in der Stadt zu lassen.
Das Korps Kienmayer marschierte am 10. Juli von Berneck nach Gefrees, am 11. Juli über Münchberg nach Hof, wo es auf feindliche westfälische Vorposten stieß, die sich jedoch gleich zurückzogen.
In Plauen, wohin das Korps am 12. Juli gerückt war, traf die Meldung ein, das Jérôme im schleunigen Rückzug gegen Neustadt a. d. Orla begriffen sein. Am 13. Juli waren Abteilungen des Korps bis Pausa und Mühltroff, am 14. Juli bis Schleiz vorgesendet worden, doch fand es Kienmayer bei dem Umstand, dass Junot noch bei Bamberg stand, nicht ratsam, Jérôme weiter zu verfolgen, sondern nahm nächst Plauen Stellung, wodurch er seine Gegner von einander trennte.
Am 16. Juli 1809 traf die Nachricht von dem am 12. Juli zu Znaim abgeschlossenen Waffenstillstand ein, welcher den Feindseligkeiten ein Ende machte, damit aber auch allen neubelegten Hoffnungen auf Deutschlands Befreiung.

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