Das Zeitalter der Industrialisierung und der Maschine hielt seinen Einzug ...

Der unermüdliche Einsatz der Gefreeser war nicht zuletzt ausschlaggebend, dass ihnen der Bayernkönig das Stadtrecht verlieh. Am 18. August 1881 starb Bürgermeister Jahreiß und wurde –mitten aus seinem Wirken zum Wohle dieser Stadt herausgerissen und die Einwohnerschaft musste wieder einmal von einem großen Sohn Abschied nehmen, der ihr erstes offizielles Stadtoberhaupt gewesen war.

Es musste auch ohne ihn weitergehen – und unerschütterlich schafften sie dem Fortschritt entgegen. Als dann das Zeitalter der Industrialisierung Einzug hielt, waren sie schon fast wieder auf dem laufenden. Die beharrlichen Fichtelgebirgler waren sich um die Jahrhundertwende bewusst, dass sie den Anschluss nicht verlieren würden.

Ein neuer, wichtiger Faktor tauchte auf – die Eisenbahn. Die Gefreeser brauchten unbedingt den Anschluss an die Bahnlinie Bamberg – Hof, die schon im Jahre 1848 für den Verkehr auf der Schiene freigegeben wurde. von da ab nämlich bangte man um den wirtschaftlichen Nutzen, den die günstige Lage an der wichtigen Handelsstraße gewährleistete. Man sah in der Bahnlinie eine deutliche Konkurrenz und in der Tag zeigte es sich in den folgenden Jahren, dass die Handelsstraßen immer mehr an Bedeutung verloren.

Der Beginn des Zeitalters der Maschine und der Industrialisierung eröffnete jedoch auch dem heimischen Handwerk neue, ungeahnte Möglichkeiten und die einst so missfallende Eisenbahn war plötzlich ein wichtiger Ausgangspunkt um den Anschluss an die Entwicklung zu halten. vor allem das bodenständige Granitsteinwerk, welches damals immer noch die Existenzgrundlage der Gefreeser darstellte, erkannte seine einmalige Chance aus dem eingeengten Absatzgebiet herauszutreten.

Allein schon der Bau der Bahnlinie Hof – Bamberg hatte einen großen Bedarf an ungehauenen Granitsteinen, was für diese Gewerbe einen großen Aufschwung brachte. Mit Pferde- und Ochsengespannen wurde das Material von Gefrees aus vornehmlich zur Baustelle „Schiefe Ebene“ transportiert. Was es bisher so, dass die unzähligen, am Nordhang des Wetzsteines lagernden Findlinge zerkleinert und verarbeitet wurden, so musste der Abbau nun geordnet und konzentriert werden. Es entstanden neue Steinbrüche, die vielen Menschen Arbeit und Brot haben, ja selbst von auswärts wurden Arbeitskräfte angeheuert.

Inzwischen, das kann man schon vorwegnehmen, ist dieses charakteristische, bodenständige Gewerbe zum Aussterben verurteilt. Wo früher Hunderte von fleißigen Händen für ein geschäftiges Leben sorgten, arbeitet am heutigen Tag noch eine Handvoll Leutchen, die dieses Gewerbe aufrecht erhalten. Wie lange sie noch mit dem wegen seines Härtegrades früher so begehrten Gefreeser Granit zu tun haben, weiß man nicht, fest steht jedoch, dass es die letzte Epoche ist, wo Gefreeser Pflastersteine oder „Hundela“, wie man sie im Volksmund nennt, hergestellt werden.

Granit wäre in der Reuth noch genügend vorhanden, daran liegt es nicht, dass die Betriebe aufhören mussten. Die Misere begann schon nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich für diese Arbeit einfach niemand mehr berufen fühlte. Dabei fing es so verheißungsvoll an. Dort wo die Findlinge lagen, vermutete man auch in der Erde Gestein und in den Jahren um 1890 fing man an, dieses abzubauen. Geologen waren die Steinhauer freilich keine und so vermuten die Pioniere, die heute noch am Leben sind, dass durch die willkürlichen Grabungen diese Steinbrüche zum Teil nicht richtig angelegt wurden. Heinrich Lenz und die Gebrüder Ludwig und Emil Haberstumpf waren die ersten, die bereits 1758 mit der Granitgewinnung begannen. Mit der Schwarzenbacher Firma Künzel und Schedler kam dann die erste Drahtseilbahn und die Firma Adam Bruchner aus Wunsiedel gesellte sich ebenfalls dazu.

Da das Erstellen von Denkmälern um die Jahrhundertwende große Mode war, brauchte man Granit. Gefreeser Granit wurde vor allem beim Bau des Reichtagsgebäudes eines riesigen Denkmals in Amerika bekannt. Auch das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig besteht zu einem großen Teil aus Gefreeser Granit. Der Abbau und die Verwertung waren allerdings zu dieser Zeit fast ausnahmslos auf die menschliche Kraft zugeschnitten. Deshalb heißt es noch bis zum heutigen Tag, dass die überaus schwere und schweißvolle Arbeit der Steinmetzen, Steinbrecher und Steinschläger die Mentalität der Gefreeser geformt habe. Nahezu allen Witterungsunbilden ausgesetzt, am Granit zu arbeiten, erforderte Fleiß und Beharrlichkeit, was die Leute hart und schweigsam machte. Nun, das hat sich inzwischen geändert – die Gefreeser sind längst nicht mehr so herb und wortkarg wie ihnen oftmals nachgesagt wird.

Doch zurück zur Eisenbahn: Sie und der Granit blieben auch in den folgenden Jahren eng miteinander verbunden und der Ruf nach einem eigenen Anschluss an die große Bahnlinie wurde immer lauter – er musste einfach kommen. Er kam, wenn auch spät – für die Granitindustrie fast schon viel zu spät. Die Gefreeser Domäne als Mittelpunkt der Granitindustrie gibt es nicht mehr. Die Steinbrüche in der Reuth allerdings zeugen noch von einer alten bodenständigen Zunft, die in dem Fichtelgebirgsstädtchen in wehmütiger Erinnerung bleiben wird.

Bürgermeister und Konditor Christian Schwab, der von 1888 bis Ende 1901 die Geschicke der Stadt Gefrees leitete, rieb sich im Kampf um die Bahnlinie Gefrees – Falls langsam auf, so dass er nach erfolgtem Baubeginn sein Amt niederlegte. Er, der unermüdlich um den örtlichen Anschluss an das Eisenbahnnetz gerungen hatte, durfte es dennoch für sich in Anspruch nehmen, der Hauptinitiator gewesen zu sein.

Am 6. Juli 1902 war es dann endlich soweit, die erste Probefahrt konnte unter großem „Hallo“ durchgeführt werden. Da am gleichen Tage auch die Grundsteinlegung des Schulhauses vorgenommen wurde, feierte man dieses Doppelfest natürlich in gebührender Weise. Ganz Gefrees war ob dieser beiden Ereignisse auf den Beinen. Sogar ein Festzug wurde zusammengestellt und die Stadt war, wie es in einer alten Niederschrift heißt: „festlich gekleidet und mit Girlanden geschmückt“. Am 15. Juli 1902 wurde die Nebenbahnlinie dann eingeweiht. Freilich ahnte damals niemand, dass dieser ungeheure Fortschritt – sprich Eisenbahn – 71 Jahre später zur Bedeutungslosigkeit degradiert werden sollte. Der Reisezugverkehr wurde am 30. September 1973 eingestellt. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange noch Güter befördert werden, was früher doch so wichtig war, denn wenn mit dem Anschluss der Eisenbahn, auch der Granit den –Anschluss verlor, so kam die Schiene gerade noch rechtzeitig für die sich immer stärker entwickelnde Maschinenindustrie.

Georg Hoffritz hatte 1867 die Produktion von Landmaschinen aufgenommen und dieses Unternehmen wurde im Jahre 1906 von Karl Herold übernommen, der die Kapazität Schritt für Schritt vergrößerte. Heute ist diese Firma nicht das einzige große Unternehmen in Gefrees. Nicht unerwähnt darf auch die Bedeutung der Messerfabriken bleiben, deren Grundstein von Johann Leupold bereits im Jahre 1882 gelegt wurde.

Außerdem besaß Gefrees eine große Weberei (Rogler, 1862), eine Exportbrauerei (1866) und eine Messerfabrik. Diese vielfältige Industrie hat sich bis zum heutigen Tag noch um eine weitere Messerfabrik, drei Webereien, zwei Maschinenfabriken und eine Wattelin- und Schulterpolsterfarbrik vermehrt.

Im 20. Jahrhundert hat sich das Stadtgebiet bedeutend vergrößert. Am 1. August 1926 wurde die frühere Gemeinde Wundenbach, bestehend aus den Ortschaften Wundenbach, Neuenreuth und Lübnitz eingemeindet (seinerzeit 186 Einwohner). Wenig später, am 1. April 1927, kam die frühere Gemeinde Grünstein, bestehend aus den Ortschaften Grünstein, Böseneck und den Weilern Grünhügel und Kastenmühle (seinerzeit 248 Einwohner) zu Gefrees.

Am 1. Oktober 1929 wurde im Zuge der Staatsvereinfachung das Bezirksamt Berneck aufgelöst. Die Gemeinden Falls, Kornbach, Streitau, Walpenreuth, Witzleshofen und Zettlitz kamen zum Bezirksamt Münchberg. Am 1. Juli 1931 kamen noch die Stadt Gefrees und die Gemeinden Lützenreuth und Metzlersreuth dazu, die vorübergehend dem Bezirksamt Bayreuth angehört hatten. 1900 hatte Gefrees (ohne Gemeinde Grünstein und Böseneck) 1918 Einwohner, 1967 waren es 3055.

Seit 1905 besitzt Gefrees eine Hochdruckwasserleitung. Der Verschönerung des Stadtbildes mussten viele vertraute Bilder weichen. Der Kornbach und die Lübnitz wurden kanalisiert. Künftig wird wohl keine Überschwemmung wie 1956 die Bevölkerung erschrecken. Moderne Schulhäuser wurden gebaut. Die katholische Gemeinde konnte 1966 ihr neues Gotteshaus einweihen. Als Krönung der Aufwärtsentwicklung unseres Gemeindewesens wurde am 17. Mai 1968 die Stadthalle ihrer Bestimmung übergeben. sie ist das sichtbare Zeichen des Bürgersinnes und des Fleißes der Bewohner unseres Städtchens. Unter dem jetzigen Bürgermeister Robert Brey wurde diese Bauwerk seiner Bestimmung übergeben.

Inzwischen gehört Gefrees dem Landkreis Bayreuth an, welchem es nach der Gebietsreform am 1. Juli 1972 zugeordnet wurde, nachdem sich die Bürger für diesen Schritt entschieden hatten.

Damit vergrößerte sich auch das Stadtgebiet, denn die bislang selbständigen Gemeinden Zettlitz, Lützenreuth, Kornbach und Metzlersreuth wurden nach Gefrees eingemeindet. Die Einwohnerzahl wurde im Juni 1974 mit 4200 angegeben. Jetzt ist Gefrees eine aufstrebende Gemeinde, die in ihrer Größenordnung ihresgleichen sucht. Dass das Fichtelgebirgsstädtchen einmal einen derartigen Aufschwung erleben sollte, ahnten unsere Gefreeser Pioniere nicht und wären sie noch so große Optimisten gewesen. Ihr sprichwörtlicher Fleiß und ihre gesunde, praktische Mentalität haben sich bis auf die jetzige Generation übertragen. Gefrees ist eine Stadt mit Geschichte und eine Stadt mit Zukunft.
– Mai 1974 –

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