Der Stile viele - der Historismus


Die Zeit zwischen 1840 und 1900 bringt mit der fortschreitenden Industrialisierung auch die zunehmende Verbürgerlichung der Gesellschaft.

Das nationale Empfinden wächst und damit das Interesse an der eigenen kulturellen Vergangenheit. National- und Kunstgewerbemuseen entstehen in ganz Europa. Auch die Porzellane des 19. Jahrhunderts greifen auf das Formenrepertoire vergangener Stile, Romanik, Gotik, Renaissance, Barock oder Rokoko, zurück. Entweder werden sie bis ins Detail kopiert oder miteinander zitiert.

Die Neugotik, in England als typisch nationale Kunst verstanden, findet sich um 1840 bei Charles Meigh & Son in Hanley, um 1833 bereits in Meißen in Kombination mit üppiger Glanzvergoldung.

Führend im Kopieren von Wien, Meißen, Sèvres, Capodimonte und Ostasien wird ab 1830 das von Mor Fischrew in Herend gegründete Unternehmen. Demselben Credo verschreibt sich 1824 in Oporto, Portugal, die Manufaktur Vista Alegre mit der Herstellung von Servicen im Stile von „Vieux Sèvres“. Ginori in Doccia und Fürstenberg kopieren Capodimonte-Porzellane im Stile der Renaissance.

In England wird das Parian-Porzellan, das Marmor nahezu perfekt imitiert, erfunden.

Eine neue Richtung erhält der Historismus durch Jacob Petit, der ab 1840 in Paris Vasen und Zierartikel mit Dekorationen im Stile von Gotik, Rokoko und Orientalischer Kunst in großer Menge herstellt. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die meisten technischen Herausforderungen im Bereich Porzellandekoration, Formgebung, Massezusammensetzung und Brenntechnik gelöst sind, beginnt  die „tour de force“ der europäischen Manufakturen und Fabriken. Größe und Dekorationsmöglichkeiten der Porzellane scheinen nahezu unbegrenzt. Marc Louis Solon entwickelt in Frankreich die Technik der pâte-sur-pâte-Malerei, des Malens mit Schlicker auf dem farbigen Scherben.

England begeistert mit Parian-Porzellan, das durch einen durchscheinenden, leicht gelblichen Schimmer antike Marmorstatuetten nahezu makellos nachahmt.

In Limoges gelingt es Porzellan mit Cloisonnée-Effekten (Glaseinschlüssen) herzustellen. In den dortigen Fabriken werden vielteilige Service mit mehrteiligen, imposanten Tafelaufsätzen gefertigt.

St. Petersburg liefert in dieser Zeit aufwendigst bemalte Service nach Kopien berühmter Gemälde oder Fresken an den Zarenhof.

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