Von der Dekoration zum freien Werk - Porzellan wird Kunst


Die Porzellanplastik nimmt ihren Ausgang im 18. Jahrhundert zunächst als Teil der Tafelzier. Passend zu den auf den Servicen dargestellten Motiven entstehen Figuren, die zum Beispiel im Bereich der Mythologie, Allegorie oder des höfischen Lebens angesiedelt sind.

Mit Johann Joachim Kaendler „emanzipiert“ sich ab 1731 in Meißen die figürliche Plastik. Sie löst sich aus dem Tafelschmuck-Kontext und wird zum dekorativen, künstlerischen Objekt. Im 18. Jahrhundert sind es in Frankreich Francois Boucher und Etienne Falconet, deren Werke in Sèvres ausgeformt werden. Unter Napoleon Bonaparte entwirft Denis Chaudet lebensgroße Büsten aus Biskuitporzellan, im Klassizismus entstehen in Kopenhagen Biskuitplastiken nach Thorvaldsen. Der Jugendstil begeistert mit Arbeiten von Leonard Agathon für Sèvres, mit Adolf Amberg für die KPM Berlin. Zahlreiche Bildhauer liefern Modelle für deutsche Porzellanfabriken, u.a. für Hutschenreuther und Rosenthal. Ab 1908 sind es die Schwarzburger Werkstätten für Porzellankunst, die unter Max Adolf Pfeiffer die Porzellanplastik erneuern.

Künstler wie Ernst Barlach, Gerhard Marcks, Arthur Storch und Gustav Oppel interpretieren das figürliche Porzellan neu. Die 1930er Jahre bringen für die deutsche Porzellanplastik eher Retrospektives.

Die Niederlande hingegen überraschen mit freien Arbeiten u.a. von Johan van Loon. Neuartig erscheinen in den 1950er Jahren die auf das wesentliche, Lineare, reduzierten Figuren, wie sie in Italien und Deutschland entstehen. Gleichzeitig existiert in Europa aber auch weiterhin die Tendenz zum Traditionellen. In Spanien fertigt Lladró Figuren in Anlehnung an den Kopenhagner Jugendstil.

Bei den europäischen Manufakturen spielt ab 1960 Sèvres mit Jean Arp, Alexander Calder oder später Louise Bourgoise eine führende Rolle. Die Meißner Manufaktur setzt mit den Arbeiten von Peter Strang, Herend mit Imre Schraml bemerkenswerte Akzente. Unter Philip Rosenthal entstehen ab 1964 zunächst Künstlerreliefs, daraus entwickeln sich die „Limitierten Kunstreihen“, mit Werken von Henry Moore, Lucio Fontana, HAP Grieshaber, Victor Vasarely und anderen.

In Schweden arbeiten gegenwärtig Künstler wie Eva Hild, Gustav Nordenskiöld oder Kennet Williamson, in Helsinki Kim Simonsson oder Pekka Paikkari (Art Department Arabia) an den Möglichkeiten, die dieser harte aber dennoch formbare, leicht zu bearbeitende aber dennoch unberechenbare Werkstoff bietet.

Die Möglichkeit der Vervielfältigung, das Spannungsfeld zwischen „dekorativem Objekt“ und „Kunstwerk“ auszuloten, Fragen an den Werkstoff zu stellen im Hinblick auf seine Tradition und materialgerechte Bearbeitbarkeit, das macht das Reizvolle auch für Konzept-Künstler der Gegenwart aus. 

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