Annäherung an Jean Paul

Annäherung an Jean Paul im Fichtelgebirge

Welch brausende Zeit! Die Menschheit schickt sich an, das Tor zur Neuzeit weit aufzustoßen. James Watt erfindet die Dampfmaschine und leitet damit die industrielle Revolution ein. Napoleon dient sich durch die Wirren der Französischen Revolution hinauf bis auf den Kaiserthron, krönt sich selbst und setzt eine Neuordnung Europas in Gang, die großenteils bis heute spürbar ist.

Allenthalben regt sich ein erwachender Geist. Er bringt Dichter, Denker und Musiker hervor, die der Kultur jener Jahre zu einem ungeahnten Höhenflug verhelfen. Innerhalb eines Menschenalters durchmisst diese Generation den weiten Bogen vom ausgehenden Barock und Rokoko über die Klassik bis hin zu Romantik und Biedermeier.

Philosophen wie Fichte, die Schlegels und besonders Kant verändern die alte Weltsicht, während der „Geheime Rat“ Goethe nach seiner Sturm- und Drang-Zeit zum Universalgenie und zeitlosen Klassiker der deutschen Literatur reift. Bachs schwere Polyphonien verklingen in Mozarts leichtfüßig daherkommenden Melodien, gipfeln im epochalen Beethoven, ehe Schubert und andere Romantiker die endgültige Hinwendung zum individuellen musikalischen Ausdruck vollenden.

Die Menschenrechte werden formuliert und begleiten den Aufstieg Amerikas. Der Absolutismus Europas löst sich in der Aufklärung, verkauft aber schnell noch vorher seine Landeskinder zur aussichtslosen Kriegführung in den fernen englischen Kolonien.
Ja, es sind schon wildbewegte Jahre in der zu Ende gehenden Zopfära, in der die Männer in Deutschland sich wirklich noch mit dieser Haartracht schmücken, sei es mit dem eigenen oder einem künstlichen Gebinde. Vieles, was um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert durch die Zeitläufte hochgespült wird, geht rasch wieder unter; es ist des Bestehens nicht wert. Und doch prägen diese ereignisreichen Jahre die folgenden Generationen bis auf unsere Tage.

Jean Paul – wer war das?

Aus dem Getöse der Zeit erwächst der deutschen Literatur ein sanfter, wenn auch temperamentvoller Phantast, der sich nicht in eine der gängigen Klassifizierungen und Kategorisierungen einordnen läßt. Feuerkopf, Satiriker, Romantiker, verehrter Verehrer der Frauen, versoffener Bauernpoet, galanter Dichter – was hat man nicht sonst noch für Charakterisierungen versucht. Sicher, ein Körnchen Wahrheit steckt in jeder dieser Bezeichnungen, gerecht aber wird dem Leben und Werk, dem facettenreichen Dasein des ersten deutschen „Berufsschriftstellers“ keine.

Er darf mit Recht als Genie betrachtet werden, das von seiner Zeit beeinflusst wurde, aber umgekehrt auch diese Zeit prägte. Die Wesensverwandtschaft seines Werkes mit der frühen Romantik wird sichtbar, ebenso wie die strikte Ablehnung der in der Klassik überbetonten Form. Sein Werk zeigt in einer Fülle überbordender und kaum zu bändigender Ideen, Einfälle und Abschweifungen die Lust am Fabulieren und die Freude am Ausbreiten neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und eines angelesenen Wissens.

Eigentlich, so sollte man vermuten, müsste sich dieser einst hochgeschätzte, ja gelegentlich über Goethe gestellte weitgreifende Geist auch in unseren Tagen noch einer treuen Anhängerschaft und zahlreichen Leserschar erfreuen. Aber:

„Dem modernen Leser fällt es schwer, sich in die größeren Romane Jean Pauls hineinzuarbeiten und die Vorzüge des einstigen allgemeinen Lieblings nachzuempfinden...

Von der Sentimentalität viel bewunderte Charaktere treten wohl deutlich aus dem Nebel hervor, in dem die Handlung aber zerfließt. Sie ist nur da, um des Dichters eigenen Gedanken und seinen übereifrig gesammelten Lesefrüchten zur Unterlage zu dienen“.

Diese Sätze einer Deutschen Literaturgeschichte aus dem Jahre 1897 haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Sie zeigen aber auch das Dilemma Jean Pauls, der lange Zeit schwankte, ob er nun Philosoph oder Dichter werden sollte. Schließlich entschied er sich, philosophische Inhalte, seine Idealvorstellungen, in dichterische Gefässe zu gießen. Mit Form aber hat das Ganze nichts zu tun, eher schon mit diskutieren und kommentieren.

Solch eine Geistesgröße, solch ein wortgewaltiger und wortschöpfender Mann, der sich mit so unterschiedlichen Themen wie Ästhetik, Erziehung, Liebe, Ehe, Veredelung des Menschen oder der Unsterblichkeit intensiv auseinander gesetzt hat, soll heutzutage nurmehr wenig Beachtung finden? Das können und wollen wir nicht glauben, denn sein Werk ist auch heute noch eine wahre Fundgrube für ungehobene Schätze. Gelegentlich seines 175. Todestages wollen wir im Jahr 2000 diesen Geistesheros und sein Werk wieder stärker ins rechte Licht rücken.

Versuchen wir eine Annäherung. Nicht so sehr an das Werk – dafür gibt es Berufenere – als an die Landschaft, an die Orte, die seinem Leben und seinen Schriften Hintergrund und Schaffensquell waren. Trotz der Jahre , in denen er für ein Theologiestudium in Leipzig und bei Aufenthalten in Weimar, Berlin, Coburg, Meiningen und anderen Orten von zu Hause entfernt war, hat er den engeren Dunstkreis seiner Heimat nie wirklich verlassen. Folgen wir also seinen Spuren durch das Fichtelgebirge, durch die Stätten seiner Jugend mit all ihren Entbehrungen bis hin nach Bayreuth, wo er schließlich gesellschaftliche und künstlerische Anerkennung fand.

Wunsiedel

„Es war im Jahr 1763, wo der Hubertusburger Friede am 15. Februar zur Welt kam und nach ihm gegenwärtiger Professor der Geschichte von sich ....nämlich am 21. März; und zwar in der frühesten, frischesten Tagzeit, nämlich am Morgen um 1 Uhr; was aber alles krönt, war, dass der Anfang seines Lebens zugleich der des damaligen Lenzes war.“

Johann Paul Friedrich Richter kam als erstes Kind des Lehrers und Pfarrers Johann Christian Christoph Richter und seiner Frau Sophia Rosina Kuhn, einer Tuchmacherstochter aus Hof, in Wunsiedel zur Welt. Seinen Geburtstag hat er so poetisch, so heimelig-kuschelig in seiner „Selberlebensbeschreibung“ geschildert wie es wohl kein anderer gekonnt hätte. Nicht fehlen ließ er die äußeren Umstände: wichtige geschichtliche Ereignisse stehen da neben Bildern der erwachenden Natur im Frühling.

Eine kleine Gedenktafel weist gleich hinter der Achtung gebietenden Stadtpfarrkirche St. Veit auf das Geburtshaus hin. Die Stadt ehrt ihren großen Sohn mit dem Jean-Paul-Brunnen vor dem historischen Haus und die von dem bekannten Münchner Künstler Ludwig von Schwanthaler 1845 modellierte Bronze-Büste. Es ist auch nicht weiter erstaunlich, dass der ganze Platz und die hinter dem Geburtshaus vorbeiführende Altstadttangente nach ihm benannt wurden.

Schauen wir uns ein wenig um in Wunsiedel, der alten Hauptstadt des Sechsämterlandes, der Stadt der bekannten Luisenburg-Festspiele, von der Jean Paul bekennt: „Ich bin gern in Dir geboren Städtchen am langen hohen Gebirge, dessen Gipfel wie Adlerhäupter zu uns niedersehen.... Ich bin gern in Dir geboren, kleine, aber gute, lichte Stadt“.

Der Name Wunsiedel deutet auf den Sitz eines Adeligen auf einer Waldlichtung (= Wunne) hin. In der Tat, um die Jean Pauls Geburtshaus benachbarte, aber lange schon untergegangene Burg entwickelte sich geschützt und anmutig in einer Talmulde der Röslau die Stadt. Aufgeschlossen ist sie neuen Einflüssen und doch auch wieder trotzig abwehrend gegen unerfreuliche Geschehnisse, deren es in ihrer Geschichte viele gegeben hat. Zum Beispiel als sie in den Hussitenkriegen des 15. Jahrhunderts den Bestand des ganzen Landes verteidigen musste oder auch die Jahre des Überlebenskampfes im Dreißigjährigen Krieg.

An Jean Paul erinnert eine kleine Ausstellung im Fichtelgebirgsmuseum. Dieses Regionalmuseum ist die reichhaltigste Volkskundesammlung der Gegend, dazu eine wahre Fundgrube der Kulturgeschichte und der Lagerplatz sämtlicher jemals im Fichtelgebirge gefundenen Gesteine und Mineralien. Sein malerischer Innenhof gibt den  Schauplatz der zum Gedenkjahr von den Luisenburg-Festspielen gemeinsam mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe erarbeiteten romantischen Jean-Paul-Abend „...ach ins weibliche Herz sehen.“

Des Dichters Andenken ist ebenfalls im weltberühmten Felsenlabyrinth der Luisenburg mit einem pittoresken Jean-Paul-Platz und seinem Lieblingsaufenthaltsort, der Insel Helgoland, einem gigantischen Felsblock im Wasser, gegenwärtig.

Zeugnisse der Vergangenheit sind überall im Stadtbild lebendig. Das Koppetentor, die Reste der Stadtmauer mit den dahinter sich anschmiegenden alten Häusern, das klassizistische Erscheinungsbild, wie es nach dem großen Stadtbrand vom 1834 aus der Asche erstanden ist – da lohnt sich ein ausgedehnter Streifzug. Den wird sicher auch Goethe unternommen haben, als er 1785 zu seiner großen Wanderung auf den Ochsenkopf von hier aus aufbrach.

Wunsiedel ist auch die Stadt der Brunnen und des Brunnenfestes, das alljährlich am Wochenende vor Johanni (24. Juni) gefeiert wird. Dieses Fest wie auch die Luisenburg-Festspiele auf Deutschlands ältester (seit 1692) und wohl schönster Naturbühne konnte der junge Jean Paul nicht genießen. Schon zwei Jahre nach seiner Geburt erhielt der Vater eine Patronatspfarrstelle in Joditz und zog mit seiner Familie in den Ort im Auenthal.

Joditz

„Aber die eigentliche Geburtsstatt, und zwar die geistige, ist der erste und längste Erziehort“.

Diese Worte unseres Dichters sind auf den Ort Joditz gemünzt. Die die kindliche Seele prägenden Jugendjahre brachte er in der Zeit von 1765-76 hier im Pfarrhaus neben der kulturhistorisch interessanten Kirche zu.

Hier durchlebte er Abende voller Gespensterfurcht, aber auch die erste unschuldige Liebe zu einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Im väterlichen Garten, wo er beim Pflanzen und Ernten mithelfen durfte, erhielt er seine ersten Eindrücke von der Natur. Heute steht in diesem Areal das sehenswerte private Jean-Paul-Museum mit vielen Originalausstellungsstücken und Erstausgaben seiner Werke.

Joditz verweist gern auf seine Lage im idyllischen Auenthal, einem Tal-abschnitt der Saale. So liegt denn auch das Naherholungsgebiet Auensee mit seinem Campingplatz in einer weit ausschwingenden Saaleschleife. Am Ostrand des Ortes erhebt sich oberhalb der Saale der „Jean-Paul-Felsen“. Und wer weiß, vielleicht hat der Jüngling öfter hier oben gesessen und seinen Blick über die Gegend schweifen lassen.

„...die Saale, gleich mir am Fichtelgebirge entsprungen, war mir bis dahin nachgelaufen, so wie sie, als ich später in Hof wohnte, vorher vor dieser Stadt unterwegs vorbeiging“, schreibt Jean Paul in seiner „Selberlebensbeschreibung“ und fügt hinzu: „Der Fluß ist das Schönste, wenigstens das Längste von Joditz und läuft um dasselbe an einer Berghöhe vorüber...Ein gewöhnliches Schloß und Pfarrhaus möchten das Bedeutendste von Gebäuden da sein. Die Umgegend ist nicht über zweimal größer als das Dörfchen, wenn man nicht steigt."

In dieser Umgebung ist seine berühmte Idylle „Das Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz in Auenthal“ (seinem ersten Erfolgsroman „Die unsichtbare Loge“ beigefügt) angesiedelt. Sie trägt unverkennbar biographische Züge, übt aber auch Kritik an den Herrschaftsverhältnissen seiner Zeit. Schon hier offenbart sich das unbändige Freiheitsstreben unseres Dichters.

Die Gegend lädt ein zum Wandern. Das Saaletal, die nahegelegene Fattigsmühle mit dem imposanten Obergeschoß aus dem Dreißigjährigen Krieg, der Nachbarort Isaar mit dem alten Wirtshaus, das Museum der deutschen Teilung in Mödlareuth mit den ehemaligen brutalen Grenzsperranlagen aus unseligen Zeiten – das sind nur ein paar Tipps.

Schwarzenbach an der Saale

„Schwarzenbach an der Saale hatte freilich viel – einen Pfarrer und einen Kaplan – einen Rektor und einen Kantor – ein Pfarrhaus voll kleiner Stuben und zwei größerer ... und ... das Schulhaus, so groß (wenn nicht größer) wie das ganze Joditzer Pfarrhaus, und unter den Häusern noch ein Rathaus, nicht einmal gerechnet das lange leere Schloß“.

Nun, mag das Fürst-von-Schönburgische Amtsgebäude zu Zeiten Jean Pauls leer gestanden haben, so ist es heute, schmuck restauriert, das Rathaus der betriebsamen Saalestadt.

Eine besser dotierte Pfarrstelle veranlasste Jean Pauls Vater 1776 zum Umzug nach Schwarzenbach an der Saale, wo er jedoch schon drei Jahre später abgehärmt und verbittert diese Welt verließ. Sein Grab ist auf dem Friedhof gleich hinter der Kirche zu finden.

Fast herausfordernd erhebt sich der Turm von St. Gumbertus über die malerisch gelegene Altstadt. Er hat vielleicht die unerhörte Tat des Jünglings mit angesehen, als dieser die Kühnheit besaß, von einem Nachbarstöchterlein den ersten Kuß zu rauben, mehr Angst im Herzen als sonst etwas.

Trotz mehrerer, vor allem im 19. Jahrhundert zahlreicher Stadtbrände ist der Altstadtkern noch weitgehend erhalten geblieben. Breite Torbögen und Wohndächer sind das vorherrschende Stilmerkmal.

Anscheinend war das Färberhaus in der Stadt der Stammsitz der Familie, denn der Name Richter taucht hier häufiger auf. Einer aus diesem Geschlecht war der Maler Anton Richter. Sein bescheidenes Wohnhaus, wo er bis zu seinem Tode in den 60er Jahren lebte und wo sich auch noch etliche seiner Gemälde befinden, kann man besuchen.

In der Umgebung finden sich lohnende Ziele: das Wassersportparadies Förmitzspeicher, ein zur Wasserstandsregulierung der Saale angelegter Stausee, durch dessen Staumauer auch Führungen stattfinden; über dem See der malerische Ort Hallerstein mit der fast verfallenen Burgruine und der alten Dorfkirche aus dem 15. Jahrhundert, die alljährlich Schauplatz der Hallersteiner Nachtkonzerte mit Werken von Johann Sebastian Bach ist; die versteckt im Wald liegende Burgruine Uprode, 1523 von einer Strafexpedition des Schwäbischen Bundes zerstört; der Ökopark Hertelsleite im Saaletal und andere Sehenswürdigkeiten.

Wenn auch Jean Paul nach dem Tod des Vaters mit der Mutter und den Geschwistern nach Hof zog, kehrte er später doch noch einmal in die Stadt zurück, um sich als Hauslehrer für die Kinder der örtlichen Honoratioren zu verdingen.

Hof

„Besehet Hof, wo ich das Schlimmste erlebt und das Beste geschrieben...“, so urteilt Jean Paul selbst über seine Leidenszeit in dieser Stadt, mit der ihn zeitlebens eine Art Haßliebe verband. Dort besuchte er das Gymnasium, dort mühte sich seine Mutter um den Lebensunterhalt und den Zusammenhalt der Familie, ehe sie das Zeitliche segnete. Dort aber verkannte man sein Genie auch gründlich.

Er beschwerte sich, dass man den Hofern hinterherlaufen und ihnen die Bücher schenken müsse und trotzdem würden sie nicht gelesen. Und zur Strafe für solch ungebührliches Verhalten wurde in seinen Schriften aus der respektablen Stadt der „Reichsmarktflecken Kuhschnappel“, auch schon einmal Scheerau oder Flachsenfingen geheissen.

Doch kommt ihn angesichts des grossen Stadtbrandes, der 1823 fast die gesamte Stadt vernichtete, die Wehmut an: „Noch immer lodern die grauenhaften Flammen des vertilgten Hof vor mir. Wenn man an sich einzelnen bei solchem Jammer denken darf...so denk ich daran, dass mir nun zum zweiten Male alle Baustätten der Jugend und Vergangenheit abgebrannt sind, in Schwarzenbach und in Hof, und ich habe nun nichts mehr, wenn ich dahin komme, zum Wiedersehen und zum Erinnern; die Jugend ist zweimal vergangen.“

Jean Paul kam zu einer Zeit nach Hof, als dieses sich anschickte, in den Kreis der Industriestädte zu treten. Am Vorabend der industriellen Revolution, die Hof zum „Bayerischen Manchester“ und zur „Stadt der Spindeln“ (wie das heutige Textilzentrum noch immer genannt wird) werden ließ, erlebte er dort die entbehrungsreichsten Jahre und rettete sich immer nur von einer Hungerkatastrophe in die nächste. Trotzig hielt er aber an seiner Berufung fest und schrieb und schrieb.

Ein gutes halbes Jahrhundert später hielt der zu Unrecht in Vergessenheit geratene Hofer Maler und Photograph Georg Könitzer viele Aspekte der Industrialisierung fest. Seine Bilder erzählen von der Eisenbahn, die den Anschluß an die große weite Welt und damit den Aufschwung brachte, von den rauchenden Fabriken der Tuchmacher und den prächtigen, von Kaufmannsstolz getragenen Gewerbeumzügen.

In unseren Tagen hat sich die einst graue Industriestadt zu einem freundlichen Handels- und Dienstleistungszentrum gemausert. Und zu einer Kulturmetropole dazu. „HofKultur“, „Hofer Herbst“, „Internationale Hofer Filmtage“, „HofTheater“, Promenadenkonzerte am Theresienstein – haben sich die Hofer Bürger etwa spät die mahnenden Worte Jean Pauls zu Herzen genommen?

Vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan könnte man die städtebauliche Entwicklung beschreiben. Ganze Jugendstil – Strassenzüge erstrahlen im alten Glanz, die Altstadtsanierung setzt Akzente für Besucher wie Bewohner, das „Museum Bayerisches Vogtland“ besitzt neben gut ausgestatteten volkskundlichen Sammlungen eine der grössten Ausstellungen der mitteleuropäischen Tierwelt.

Wenn auch Jean Paul nach dem Abitur als Theologiestudent nach Leipzig ging, kehrte er doch häufig wieder „zu Muttern nach Hause“ zurück. Hof brachte ihm neben dem Hunger familiäre Streitigkeiten und herben Verlust: 1789 ertränkte sich sein Bruder Heinrich in der Saale, 1797 starb hier seine Mutter, während er gerade auf Reisen war. An sie erinnert eine schlichte Gedenktafel an der Lorenzkirche, wo wohl der ursprüngliche Siedlungskern der Stadt zu suchen ist.

Erschüttert fand der Dichter bei seiner Rückkehr in ihrem Nachlaß ein schmales Büchlein mit dem Titel „Was ich ersponnen“. Sie hatte darin alle Einnahmen aus ihrer Arbeit aufgezeichnet und auch die Ausgaben für ihre Kinder vermerkt. „Wenn ich alle Bücher der Erde wegwerfe“, schrieb Jean Paul, „so les‘ ich doch, gute Mutter, Deines fort, worin alle Qualen Deiner Nächte stehen und worin ich Dich um Mitternacht mit der keuchenden stechenden Brust den Faden Deines kargen Lebens ziehen sehe...“ Bald nach diesem Ereignis kehrte Jean Paul der Stadt endgültig den Rücken.

Auf seinen Spuren kann man heute bei einem Stadtrundgang wandeln. Dann kommt man auch zu dem legendären Ort, wo der Dichter an der Saale seine „Gewürzinseln“ sah oder zum neugestalteten Schloßplatz, an dem sich einst das Haus befand, in dem er von 1786 -–97 zumindest zeitweise wohnte.

Ein Spaziergang lohnt sich aber auch zum Theresienstein, dem ältesten Bürgerpark Bayerns (seit 1816), der jedoch gleichwohl den Namen einer bayerischen Königin trägt. Hier fand 1994 die Bayerische Landesgartenschau statt und der botanische Garten sowie der Tierpark mit seinem Streichelzoo und dem geologischen Profil des oberen Saaletals sind nach wie vor Anziehungspunkte für Naturliebhaber und Familien mit kleinen Kindern.

Töpen

„Abends wanderte die pädagogische Knappschaft und ihr Ladenvater im adeligen Pfarrdorfe Töpen in Voigtland ein. Das allgemeine Logement war im Wirtshaus, das der Vatikan oder das Louvre des adeligen Rittergutsbesitzers stets anschauet – ich sage Louvre nicht in Vergleichung mit dem Palast des Nero..., sondern in Vergleichung mit den zellulösen Kartausen und vier Pfählen und Hattonischen Mäusetürmen eines und des anderen Schulmannes.“

Über 700 Jahre alt ist das Dorf Töpen, wo Jean Paul von 1787 – 89 als „Hofmeister“ (Hauslehrer) arbeitete, Er unterrichtete den jüngeren Bruder seines viel zu früh dahingeschiedenen Jugendfreundes Johann Adam von Oerthel, fühlte sich aber in der kleinbürgerlich gebliebenen Kaufmannsfamilie – der Adelstitel war gekauft – gar nicht wohl. Die Differenzen führten schließlich zum Bruch und Jean Paul verließ den Ort.

Das „Schloß“, wohl der im Zitat genannte Landsitz, steht heute wieder frisch restauriert im Zentrum. Traurige Berühmtheit erlangte der Ort nach dem 2. Weltkrieg, als der nahe Tannenbach zur innerdeutschen Grenze wurde und an der Bundesstrasse 2 die Grenzübergangsstelle Töpen/Juchhöh entstand. Sie hatte erst ausgedient, als wenige Kilometer weiter der Autobahngrenzübergang Hirschberg eröffnet wurde.

Ein unstetes Wanderleben könnte man die dem Abschied von Töpen folgenden Jahre nun nennen. Hof, Schwarzenbach an der Saale, wieder Hof, Weimar, Berlin, Meiningen, Coburg und schließlich – Ende allen Sehnens – Bayreuth.

Bayreuth

„Du liebes Bayreuth, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten, man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können.“

Das tat er denn auch gründlich, das Einbohren, wenn auch bei dem späteren Familienvater das überschwängliche jugendliche Urteil einer gelasseneren Auffassung gewichen ist.

21 Jahre verbrachte er in der ehemals markgräflichen Residenzstadt, erlebte den Wechsel der Markgrafschaft zu Preußen, die Besetzung durch Napoleon und schließlich die Einverleibung nach Bayern. Sein erstes Domizil, das er 1804 bezog, lag am Markt in einer der damaligen Prachtstrassen (Palais Münch, heute Maximilianstrasse 9). Zuletzt lebte er im Haus Friedrichstrasse 5, das er erst „in einem bequemen Wagen ohne alles Gepäck, welchen die Leute den Leichenwagen nennen“ verließ. Dazwischen ist er sechs Mal umgezogen, meist wegen Streitigkeiten mit den Vermietern.

Seit die Fanfaren zu den Richard-Wagner-Festspielen rufen, ist die Stadt Bayreuth nicht nur national, sondern auch international ein Begriff. Auch das reiche kulturhistorische Erbe der Markgrafenzeit lockt noch heute zahlreiche Besucher in die Festspiel- und Universitätsstadt. Zielstrebig hat Bayreuth eine Museumslandschaft entwickelt, die in ihrer anspruchsvollen Vielfalt nunmehr 20 Einrichtungen umfasst. Das neu geschaffene Kunstmuseum Bayreuth, das preisgekrönte Historische Museum, das Urweltmuseum, das Brauerei- und Büttnerei-Museum, nicht zu vergessen das „Museumsdreieck“ Richard-Wagner-, Jean-Paul- und Franz-Liszt-Museum – das sind nur einige Beispiele.

Stichwort Bier! Jean Paul liebte das Bier, und insbesondere das „Bayreuther Champagnerbier“ mit seinem leicht bitteren Geschmack hatte es ihm angetan. Er ließ es sich sogar auf seinen Reisen nachschicken. Gelegenheit, echtes Bayreuther Bier zu geniessen bietet sich in vielen, oft noch sehr urwüchsigen Gaststätten. Halten wir uns an Jean Paul: „Aber bin ich erst in Bayreuth: Himmel, wie werd ich trinken, und doch mäßig!“ Sehr richtig, der Schwerpunkt liegt ja auf „geniessen“, man muß sich doch nicht gleich volllaufen lassen.

Jean Paul schätzte es, in der frischen Natur ausserhalb beengender Mauern zu arbeiten. Zu seinen bevorzugten Plätzen gehörte die „Rollwenzelei“ vor den Toren der Stadt im Osten, heute im Stadtteil Aichig gelegen. In der 1809 von Dorothea Rollwenzel eröffneten Schankwirtschaft fand der Schriftsteller Muße und Anregung zugleich. Noch heute ist das Stübchen unverändert erhalten, in das er sich zum Arbeiten zurückzog.

Ein Umstand besonders machte ihm Bayreuth so lieb: „Hier ist es anders als in Hof, wo man jedem das Buch schenken muß, damit er’s lieset – und da muß man noch monieren und überlaufen.“ Unser Dichter war schon bekannt als er in die heutige oberfränkische Regierungshauptstadt zog. Seine Werke haben hier den entsprechenden Anklang gefunden und seinen Ruhm gefestigt, aber auch seine materielle Sicherheit begründet.

Dazu kam die angenehme Stadt selbst mit ihrer aufgeschlossenen Gesellschaft. Wilhelmine von Preußen, Lieblingsschwester des großen Preußenkönigs Friedrich II. und Gemahlin des lebenslustigen Markgrafen Friedrich von Bayreuth, hat der Stadt ihren Stempel aufgedrückt. Diese kunstsinnige und für ihre Zeit erstaunlich emanzipierte Frau mit ihrer Baulust, ihrer Liebe zu Gärten und Parks hat das barocke Bayreuth entstehen lassen, so wie wir es heute noch in den Schlössern, Palais und Brunnen entdecken können.

Eine verlockende Einladung für das Tonsetzergenie Richard Wagner ein Jahrhundert später, der seine Musikdramen ursprünglich in dem einzigartigen Markgräflichen Opernhaus aufführen wollte. Dann aber wurde doch ein eigenes Festspielhaus errichtet, das selbst heute noch auf Grund seiner
Akustik als einzigartig gilt. Das feine, aber kleine Opernhaus erwies sich für die Anforderungen der Wagnerschen Bühnenwerke als nicht geeignet.

Jean Paul hat keine Stücke für die Bühne geschrieben. Seine Kunst war der Roman, die Erzählung, mal idyllisch, mal satirisch, mal idealistisch; daneben stehen tiefsinnige Erörterungen und Zeitungsaufsätze. So konnte und kann nichts von ihm auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ aufgeführt werden.

Er war trotzdem in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert. Dem bekannten und geschätzten Mitbürger setzten die Bayreuther ein eigenes Denkmal auf einem nach ihm benannten Platz. Wieder war Ludwig von Schwanthaler der ausführende Künstler.

Ein letztes Zeugnis dieses guten Menschen und nach Wahrheit strebenden Dichterphilosophen finden wir auf dem stillen Friedhof an der Erlanger Strasse. Dort ruht er neben seinem vor ihm dahingeschiedenen Sohn Max.

Überdauert haben sein Ruhm, seine Werke und persönliche Gegenstände aus seinem Leben. Eine sehenswerte Sammlung bewahrt das Jean-Paul-Museum gleich in der Nachbarschaft von Wagners Haus Wahnfried und dem Sterbehaus Franz Lizsts.

Jean Paul selbst verglich Deutschland einmal mit einem „schönen Tempel der Minerva, worin die Vergeßlichkeit ihren eigenen Altar besitzt“. An diesem Altar aber wollen wir nicht opfern. Ganz im Gegenteil: wir wollen unseren Dichter feiern, sein Andenken hochleben lassen.

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